Julian Schuttings „Absolute Aufmerksamkeit auf Konkretes“

Anlässlich des 80. Geburtstags des Autors Julian Schutting veranstaltete das Archiv der Zeitgenossen am 10. November das Symposium "Julian Schutting – Schreibprozesse. Material und Werk". Zahlreiche Vorträge von namhaften LiteraturwissenschaftlerInnen widmeten sich dem Werk des nach wie vor höchst produktiven Schriftstellers. Den Abschluss bildete ein Konzert mit Kompositionen von Kurt Schwertsik nach Texten von Julian Schutting.

Christine Grond, Leiterin des Archivs der Zeitgenossen, stellte den seit Juli 2016 im Archiv der Zeitgenossen verwalteten Vorlass des Dichters in seinen Besonderheiten vor: Ein Spezifikum bei der Arbeit mit Vorlässen sei die Möglichkeit, mit dem Bestandsbildner bzw. der Bestandsbildnerin selbst in engem Austausch zu stehen, wie auch bei der Veranstaltung ersichtlich wurde. Julian Schutting war bei den Vorträgen anwesend, ergänzte und belebte die anschließenden Diskussionen. Der Germanist Gerhard Zeillinger, für Konzept und Moderation des Symposiums verantwortlich, beschäftigte sich in seinem Beitrag mit der Textgenese im Werk Schuttings. Die Transformation von Wirklichkeit in Literatur hielt er dabei als zentralen Ausgangspunkt für dessen Schreiben fest.

Wirklichkeitssplitter als Anlass für Literatur

Wolfgang Straub legte in seinem Vortrag das literarische Netzwerk des Autors offen und verwies vor allem auf Hans Weigel und Hilde Spiel als erste bedeutende Anlauf- und Vermittlungsstellen im österreichischen Literaturbetrieb der späten 1960er Jahre. Einen fotogeschichtlichen Exkurs unternahm der Schriftsteller Martin Pollack, der sich - ausgehend von einer im Vorlass enthaltenen Sammlung von Jagdfotos des Vaters Schuttings - dem 1980 erschienen Prosatext Der Vater annäherte und dabei überraschende Parallelen zur eigenen Familiengeschichte feststellte. Ronald Pohl beschäftigte sich in Dialogform mit dem „grazilen Dichter der kleinsten Bedeutungsverschiebung“. Mit unterschiedlichen intertextuellen Bezügen und Beziehungen befassten sich Eva Schulz und Gisela Steinlechner, sie verwiesen beide auf ein breit gefächertes Spektrum an literarischen Referenzen im Werk Schuttings.

Ein Gespräch mit dem langjährigen Verleger Jochen Jung eröffnete spannende Einblicke in die Positionierung eines avantgardistischen Autors am Buchmarkt, dessen Werk nicht immer dem publikumswirksamen Zeitgeist der Gegenwartsliteratur entspräche. 

Neben  Schuttings diffizilem Sprachgebrauch, der alle Möglichkeiten der Grammatik nutze, einigten sich die Vortragenden auf Schuttings Gegenposition zu konventionellen Formen des Erzählens. Die Texte des Autors würden sich oftmals einem erzählenden Nacheinander widersetzen und vielmehr ein Ausloten der poetischen und sprachlichen Möglichkeiten in den Vordergrund stellen. Julian Schutting: „Ich kann das bitte nur so.“

Ein taubenspäter Nachmittag

Ein ausgewähltes Rahmenprogramm mit Lesungen in Kooperation mit dem Literaturhaus Niederösterreich am Vorabend und ein Konzert im Anschluss an das Symposium rundete die wissenschaftliche Veranstaltung ab. Im Haus der Regionen kam es zur Uraufführung des Stückes „Ein taubenspäter Nachmittag“ von Kurt Schwertsik nach Texten von Julian Schutting. Die Komposition wurde vom Land Niederösterreich für diesen Anlass in Auftrag gegeben und durch das Ensemble "die reihe" unter der Leitung von Kurt Schwertsik zur Aufführung gebracht.