10 Jahre Archiv der Zeitgenossen

Das Archiv der Zeitgenossen wurde am 16. Juni 2010 eröffnet und feiert sein zehnjähriges Bestehen!

Die Bestandsbildner gratulieren mit Statements, Texten und Erinnerungen.

Wolf D. Prix

Im Zeitalter des Goldfisch‑Gedächtnisses sind Archive, wie das "Archiv der Zeitgenossen", ein Schwerpunkt in unserer Kultur.


Peter Patzak Peter Patzak

Ein Erinnern später.

Anfang der Sechzigerjahre. Man machte sich Notizen auf den unbedruckten Stellen von Zeitungen, auf Fahrscheinen, Bierdeckeln und auf flach geklappten Zigarettenschachteln. Ich hatte keinen Schreibtisch und natürlich auch keine Laden. Das Gedachte, Gefragte, Beantwortete, Festgehaltene landete in einer Schachtel, dann in einer Kiste, in einer alten Truhe. Im Keller, am Dachboden, in einer Weingartenhütte und zurück auf – endlich – meinem Schreibtisch. So begann mein Arbeitsarchiv. Es folgte mir von zu Hause nach – zu Hause. Man konnte ihm beim Wachsen zusehen. Studierende aus Österreich, Italien und Deutschland besuchten es und es wurde die Fundgrube ihrer Dissertationen. Anfang 2000 wurde ich anlässlich einer Retrospektive in Berlin vom der Deutschen Kinemathek angesprochen. Man bot mir Standort und wissenschaftliche Betreuung an.

Zurück in Wien konnte ich Jan Zenker der auf der Suche nach den nicht mehr verfilmten Kottan-Drehbüchern seines Vaters war, große Freude bereiten. Alles da! Das Archiv bewohnte bereits ein eigenes großes Zimmer. Exodus nach Berlin? Unmöglich. Ein Erinnern später kam die Grande Dame der Wienbibliothek und der Leiter der Handschriftensammlung. Das war ein schöner Moment, aber ich konnte mich nicht trennen. Immer öfter konnte ich Fakten korrigieren, für Publikationen Stimmungsbilder und Material liefern. Wieder später lese ich von der Eröffnung des "Archiv der Zeitgenossen". Turrini und Cerha sind die ersten Siedler. Zeitgenossen! Das begeisterte mich, löst etwas aus. Und dann das Besondere der Architektur von Adolf Krischanitz. Kunst und Respekt. Das würde ich schaffen. Dort könnte es eine Heimat finden. Der Gedanke blieb unausgesprochen! Ein weiteres Erinnern später, kommt ein Schreiben. Ich werde eingeladen, mit dem "Archiv der Zeitgenossen" Gespräche aufzunehmen ...


Friedrich Cerha Friedrich Cerha

Die Entscheidung, die meiner Frau gehörende und von ihr verwaltete Sammlung meines gesamten Oeuvres und Materials zu meinem Leben und Werk einer Institution zu übergeben, die sich zum Zeitpunkt der Verhandlungen erst im Aufbau befand, war nicht einfach. Dafür sprach das offensichtlich ehrliche Interesse der Landesregierung an Kultur insgesamt und des Initiators dieses Projekts Dr. Rössl im Besonderen, wie auch die Tatsache, dass das neue „Archiv der Zeitgenossen“ einer Universität angehören sollte. Nicht abzusehen war das Maß an Kompetenz in der Leitung und Arbeit des Archivs und ob die vom Konzept her naheliegende Vernetzung von Kunst und Wissenschaft Früchte tragen würde.

Was sich in den folgenden Jahren ergab, hat unseren Vorstellungen nicht nur entsprochen, sondern sie vielfach übertroffen. Mit Christine Rigler, Gundula Wilscher und dem gesamten Team hat sich eine wunderbare Zusammenarbeit entwickelt, in der das Archiv nicht nur seinen grundsätzlichen Aufgaben und alltäglichen Anforderungen jederzeit und präzise gerecht wird. Eine Reihe von dokumentierten Veranstaltungen, Zeitzeugen- und Werkstattgesprächen gibt darüber hinaus ein lebendiges Bild vom Bestand des Archivs, der auf diese Weise gleichzeitig reflektiert und erweitert wird. Darüber hinaus wurden auch Kontakte zur Wissenschaft gesucht und gefunden, die diesen Bestand für junge Forschende fruchtbar machen.

Mir bleibt also nur, allen ganz herzlich danke zu sagen und ein weiterhin so gutes Gedeihen zu wünschen.


Kurt Schwertsik

Über das Archiv der Zeitgenossen

Es ist schön zu denken, dass alles was ich auf Notenpapier notierte & noch notieren werde, in gekühlten Kellern wohlbehütet für immer & ein Jahr eine Ruhestätte gefunden hat.

Dass es sich aber zugleich einer virtuellen & fast geisterhaften Präsenz im WWW. erfreut & dergestalt an beliebig vielen Orten in Erscheinung treten mag, erfüllt mich mit Zuversicht.

Vom wunderbaren Team des Archivs bereitet und betreut, ruhen und geistern meine Manuskripte in gleicher Weise. Solchermaßen für kommende Zeiten gerüstet, begegnen sie wissbegierigen Blicken mit in sich gefestigter Offenheit.

 


Alexander Schlee Alfred Schlee

Die Spuren des wunderbar erfüllten Lebens unseres Vaters, denen Zeugnisse des ebenso der Musik gewidmeten Wirkens unserer Mutter beigesellt sind, nunmehr in ihrer Gesamtheit im „Archiv der Zeitgenossen“ bewahrt zu wissen, ist uns Söhnen ein besonderes Glück. Wie vielfältig sind die Bezüge zu den großen Entwicklungssträngen der Kunst des so bewegten 20. Jahrhunderts, die sich hier auftun! Froh und dankbar, dass sich das Land Niederösterreich – um ihren kulturhistorischen Wert wissend – dieser Sammlung angenommen hat, um sie auch den künftigen Generationen zugänglich zu machen, blicken wir dem Weiterwirken solch bleibender Zeitgenossenschaft entgegen.

Thomas Daniel und Alexander Schlee


Peter Turrini

Ich habe in meinem langen literarischen Leben viel, sehr viel geschrieben und immer, wenn ich von Menschen nach einem Text aus den letzten fünfzig Jahren gefragt werde und mich nicht mehr daran erinnern kann, dann melde ich mich bei euch, im Archiv der Zeitgenossen. Ihr seid sozusagen mein besseres Gedächtnis, meine Freude an euch hat also auch egoistische Gründe. Daß ihr mein Werk hegt und pflegt, Ausstellungen und Diskussionen macht, den Studierenden ermöglicht, die Entstehungsgeschichte von Theaterstücken zu studieren und in briefliche Auseinandersetzungen Einblick gewährt und vieles mehr, trägt auch zu meiner Freude bei. Ihr seid ja kein Institut zur Papieranhäufung, sondern zum lebendigen Gebrauch.

Ich danke euch allen für eure engagierte Arbeit.

Euer Peter Turrini


Julian Schutting

Zehn Jahre – was ist das schon für einen überm Achtziger! bei euch Unterschlupf gefunden? vielmehr als ein Mostviertler Heimatrechte erworben, mit meinem Meisten lieber bei euch untergebracht als in einem Analogon der Residenzstadt. fühle mich meines Wissens in meinen vor- und auch eingelassenen, allein schon deshalb unsterblichen Vorresten wohl, weil die ja wie gelebt haben, und wie erst in den in nachlässiger Handschrift an Euch losgewordenen Entwürfen. Ob ich nun in Holzladen oder in Kartons gebettet bei euch ruhe – deute mir das nicht als ein Probeliegen für das im Unterirdischen, zumal ich vielleicht doch lieber durchs Feuer gehen werde. nachgelassen sei mir die Sünde, die unterschiedlichen Skizzen zu so manchem Gedicht nicht der Entstehung nach zu reihen – es zählt ja doch nur das Resultat. Zu Pestzeiten wird aus dem Kremser Nichtbestattungsort des öfteren besorgt bei mir angerufen – zu der jeweiligen Zeit nicht in der Peststube, sondern entweder auf Wienerwaldwanderung oder im Gewühl des Brunnenmarkts.

Zu Eurem Bestehen seit letztlich ja doch stolzen zehn Jahren gratuliert

Euer Julian Schutting